Header122

Sub_Header28

Down_Header_Sturm

Der Sturm

In den letzten Jahren kommt es, egal in welchem Teil von Deutschland man sich befindet, immer häufiger zu unerwarteten Unwettern mit Starkregen, heftigem Hagel, schwerem Gewitter und Stürmen.
Als Hundebesitzer ist man es gewöhnt, egal wie die Wetterfee gelaunt ist, sich draußen aufzuhalten. Regen und Wind sind nicht selten die Begleiter bei den täglichen Touren.

Der hundeführende Mensch richtet sich darauf ein, kauft wetterfeste Kleidung und Schuhe und ergibt sich seinem Schicksal, wenn Hund bei noch so ungemütlichem Wetter seine Runde drehen möchte.
Das es nicht nur kalt und nass, sondern unser Wetter auch eine wirkliche Gefahr für Leib und Leben sein kann, möchte ich mit dieser Geschichte erzählen.

sturmDer Herbstanfang 2002 wurde durch heftiges Wetter eingeläutet. Es regnete und seit Tagen war es bei uns am Rhein sehr windig.
Die Spaziergänge am Wasser und dem Naturschutzgebiet am Ufer waren für das Wohlbefinden der Hunde nötig, aber alles andere als schön. Sämtliche Möglichkeiten zum Trocknen der Regensachen und Schuhe waren im Dauereinsatz.
Das Wochenende stand an und die Medien gaben seit Tagen Sturmwarnung. Das Tief “Jeanette” sollte uns in NRW einen rekordverdächtigen Sturm bescheren.
Bis Samstag nahm der Wind weiter zu.
Wir leben hier für alle Winde wie auf einem Präsentierteller ... alles ist topfeben, viel Acker, wenig Wald und das Haus steht außerhalb des Dorfes auf einer freien Fläche. Das lädt den Wind geradezu ein, sich auszutoben, quasi mit ungehindertem Anlauf .....

Der Höhepunkt des Unwetters war für den Sonntagnachmittag bzw. dem frühen Abend angekündigt worden.
Am frühen Sonntagmorgen bin ich mit Tejar und Tanana los, wollte eine große Runde drehen und schauen wie sehr der Rheinpegel durch den vielen Regen wohl angestiegen ist.

Normalerweise ist diese Tour bei jedem Wetter schön. Zuerst läuft man einen langen Ackerweg entlang und kommt dann ins Naturschutzgebiet. Dort gibt es einen lichten Wald mit viel Wiese und einem unverbauten Blick auf den Rhein, da sich auf der anderen Seite ebenfalls ein Naturschutzgebiet befindet. Obwohl wir zwischen zwei Großstädten leben, ist dieser Rheinabschnitt ein Stück ruhige und kaum besuchte Natur und in den frühen Morgenstunden ein menschenleeres Refugium. Wie gemacht für einen erholsamen Spaziergang und die Gelegenheit sich selten gewordenes Federvieh anzuschauen.

Es gibt eine unglaubliche Vogelvielfalt. Fasane, Rebhühner, Falken, Habichte, Enten, Möwen, eine Krähenkolonie und seit einigen Tagen auch wieder Wildgänse, die hier immer eine Rast auf dem Weg in den Süden einlegen.

sturm1Dick eingepackt kam ich mit meinen beiden bis kurz vor das Wäldchen, doch ab da war es einfach zu gefährlich. Ständig brachen Äste von den Bäumen ab und wirbelten durch die Luft. Die Wiesenzäune wackelten, Blätter tanzten mit einem irrwitzigen Tempo auf dem Weg und der Wind dröhnte durch das Geäst, so das jedes Kommando an meine Hunde hinweg getragen wurde ohne sie zu erreichen und das obwohl beide kaum fünf Meter von mir entfernt liefen. Wir drehten um und es ging wieder heimwärts.

Schon als kleines Kind hat mich das Wetter begeistert, Gewitter waren spannend und vor allem der Wind hat mich schon immer fasziniert. Da ich auch, wann immer es geht, in die Berge fahre, habe ich zudem gelernt einzuschätzen wie sich das Wetter entwickelt, welche Wolken Unheil bringen und welche nur den langweiligen monotonen Regen. Das hier würde alles andere als langweilig werden.

An diesem Morgen gab es kaum Wolken, der Himmel war überwiegend blau und die Sonne strahlte und wurde nur gelegentlich von den jagenden Wolkenfetzen verdeckt.
Trotzdem hatte ich kein gutes Gefühl, das Getöse des Windes wirkte zwar nicht so bedrohlich, denn die Sonne und das Licht schafften eine friedvolle Atmosphäre, aber die Kraft der herabfallenden Böen waren so heftig, das man sich mit dem vollen Gewicht dagegen lehnen konnte.

Ich mußte noch zur Arbeit, um eine wichtige Präsentation fertig zu machen. Unser Team hatte sich dort am frühen Mittag verabredet.
Das Geheul des Windes begleitete unsere Besprechung und obwohl wir noch nicht alles geschafft hatten, beschlossen wir gegen 13.00 Uhr wieder heim zu fahren. Im Radio gab es mittlerweile alle 15 Minuten eine Orkanwarnung.

Meine Hunde waren alleine Zuhause und ich war viel zu unruhig um wirklich konzentriert zu arbeiten, zudem in Sorge den Zeitpunkt zu verpassen, wo ein halbwegs gefahrloses Heimfahren noch möglich war.

Der Weg heim war heikel. Die Menschen waren alle in ihren Häusern, kaum Verkehr. Dicke Äste lagen auf der Straße, Papierfetzen segelten mit den Blättern um die Wette. Die Bäume bogen sich, wurden geschüttelt, die Verkehrsschilder und Ampel wackelten. Der Wind drückte an die Fenster der Häuser, Mülltonnen lagen am Boden, Dachziegel auf den Bürgersteigen.
Zuhause angekommen war klar, es kommt dicke und der Wettergott schenkte uns, quasi als Verpackung, einen strahlend blauen Himmel.

Meine Vermieter waren schon dabei alle landwirtschaftlichen Geräte zu sichern, ich mag mir gar nicht vorstellen was eine in Wallung geratene Egge alles anrichten könnte. Man schafften Töpfe, Tröge, Werkzeug in die Scheune, sperrten die Hühner ins Hühnerhaus und parkten die Autos auf die andere Seite des Hofes, damit die Dachziegel kein wirklich attraktives Ziel mehr hatten.
Meine Hunde begrüßten mich freudig, ihnen war der heulende Wind auch nicht wirklich geheuer.
Mittlerweile war es 15.00 Uhr. Jetzt galt es abzuwägen, gehe ich mit Tejar und Tanana noch mal raus bevor es noch schlimmer kommt oder warte ich bis es vielleicht ein bisschen ruhiger wird.
Ich beschloß doch sofort zu gehen, denn der blaue Himmel machte Mut, das es ja gar nicht so schlimm war.

Als die Hunde aus der Haustür raus waren, erlebten sie eine Überraschung... vorwärts gehen war nur schwer möglich. Ich wollte zum Rhein. Dafür muß man nur über die Deichstraße und über den Deich, der auf der anderen Seite ein ganzes Stück runter geht. Meine Überlegung war, das der Deich für diese Senke eine Windbarriere ist und wir dort besser laufen könnten. Naja, dem war nicht so.

Der Wind kam nicht vom Rhein sondern aus der Richtung unseres Hauses (Westen), so dass wir fast zum Rhein getragen wurden. Beide Hundies fanden das nicht so toll, das ihnen diese steife Brise ihr Hinterteil freilegte und sie vor sich hertrieb... eine kurze Pause am Rhein und dann kämpften wir uns zurück... die Hunde in geduckter Haltung und ich in gebeugter ging es im Zeitlupentempo voran.

Für mich war klar, heute mach ich keinen Schritt mehr vor die Tür.
Aber es kam anders und das hätte uns beinah in eine wirkliche Notsituation gebracht.

So gegen 17.15 Uhr wurde Tanana unruhig ... ich schaute raus... von Norden zogen Wolken auf, die Sonne war verschwunden, der Wind hatte seine wahre Freude daran, immer wieder Böen frontal auf die Wetterseite fallen zu lassen.
Ich wartete, konnte mich nicht entschließen zu gehen. Doch Tanana bettelte, lief durch alle Räume. Sie mußte wohl dringend.
Mit einem mulmigen Gefühl machte ich mich fertig. Lange Unterwäsche, Goretex-Klamotten, Regensachen drüber, Handschuhe, Mütze denn die Temperatur war gefallen. Es wurde dunkler, innerhalb von 10 Minuten. Ich nahm beide Hunde an die Kurzleine und befestigte diese am Bauchgurt.


Die Haustür fiel mir fast aus der Hand als ich sie öffnete und der Wind schoss mit einem brachialen Ruck ins Haus. Die Hunde zögerten, Tanana duckte sich und da stand ich nun im Hof, blickte zum Himmel, aus Nordosten kam eine tiefschwarze Wolke auf uns zu... riesig, dunkel wie ein Schatten aus der Unterwelt breitete sie sich auf der anderen Rheinseite aus.

Ich schaute nach oben um abzuschätzen zu können wie lange es dauert bis sie bei uns war. Nach der Wolkenbewegung zu urteilen, hatte ich vielleicht 10 Minuten. Das reicht um mit den Hunden über die Straße, den Deich auf das nahe Feld zu laufen. Denn Tanana verrichtet ihr Geschäft nicht in der Nähe des Hauses.
Wieder wurden wir von dem Wind über den Deich getragen, ohne Anstrengung waren wir innerhalb von zwei Minuten auf dem Acker.
Auf der linken Seite vom Feld ist eine kleine Schonung angepflanzt worden mit jungen Bäumen und Büschen. Nichts ist höher als 1,80m und ansonsten gab es nur ein abgeerntetes Feld.

sturm2Tanana setze sich nieder, machte sich leer und Tejar versuchte zu pinkeln ohne sich selbst dabei zu treffen.
Ich war ca. 400 Meter vom Deich entfernt, drehte mich um und wollte zurück gehen .... und lief gegen eine Wand. Der Wind prallte frontal auf uns. Ich schaute nach oben, tiefschwarz waren die Wolken über uns. Ich hatte mich verschätzt, es war da, dieses schwarze Ungeheuer und es schien als habe es der Orkan auf mich abgesehen. Der Wind ließ nach, nur für Sekunden, die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. Ich querte den Acker, zum Deich war es zu weit, und bewegte mich auf diese Minischonung zu, da brach ein Inferno los. Böen aus allen Richtungen, der Himmel öffnete sich, Regentropfen von riesiger Größe prallten schnell und schmerzhaft auf mich und die beiden. Keine Sicht mehr... wie eine
Nebelwand breitete sich der Regen aus. Es donnerte und der erste Blitz schlug ein, keine 200 Meter von mir. Die Hunde legten sich flach, wollten nicht mehr gehen, krochen zu mir rüber. Der Lärm war unerträglich, keine Luft mehr zum Atmen, so schnell fegte der Wind die Luft durcheinander. Ich konnte nicht mehr aufrecht stehen und krabbelte auf allen Vieren zu einem Busch. Machte mich klein, zerrte die Hunde zu mir, bedeckte mein Gesicht mit den Händen um einatmen zu können.

Der Himmel entlud seinen Zorn genau über uns und ich war nur so wenige Meter von zu Hause entfernt. Der Busch schütze nicht wirklich. Aus dem Regen war mittlerweile Hagel geworden, unablässiges Donnergrollen begleitete den mörderischen Gesang des Windes, Blitze machten die Dunkelheit wieder zum Tag. Ich war alleine, von der Straße konnte man uns nicht sehen und zudem war auch niemand da.

Die Hunde lagen zitternd neben mir. Tanana jammerte, der Hagel drang durch ihr dickes Fell. Tejar schaute mich mit ängstlichen Augen an. Wieder schlug der Blitz ein, keine 100 Meter. Die Situation wurde richtig gefährlich. Doch da legte Jeanette eine kleine Verschnaufpause ein, der Hagel wurde weniger. Ich zögerte keine Sekunde, sprang auf und rief den Hunden zu: lauft!

Natürlich war es nicht vorbei, jeder Schritt war echter Kampf. Die Hunde wollten nicht... ließen sich ziehen, blieben hinter mir, konnten kaum die Augen öffnen, bekamen auch keine Luft ...
Ich schaffte vielleicht zweihundert Meter, dann ging es wieder richtig los. Der Wind grifft uns an... zerrte an uns, ließ mich taumeln, mein Körper war nass, kalt und vom Hagel wie betäubt. Die Lungen bekamen nicht genug Sauerstoff. Ich hatte richtige, echte Angst... die Hunde spürten es und das verunsicherte sie noch mehr.
Noch 10 Meter bis zum Deich. Ich ließ mich fallen und kroch wieder auf allen Vieren. Kam am Rand an. Kauerte mich nieder.

Ich habe in den Bergen schon viel erlebt. Ich weiß was ich mir zutrauen kann. War schon in vielen brenzligen Situationen und ich wußte, das hier ist kein Spiel mehr, das ist wirklich Ernst. Hätte nie gedacht, das mir so etwas mal zu Hause auf den Acker passieren könnte.

Dann stand Tanana plötzlich auf, duckte sich und begann den Deich rauf zu robben. Die Leine spannte sich und ich kroch auf allen Vieren hinterher. Tejar folgte ihr. Jetzt waren beide vor mir und zogen mich den Hügel rauf. Oben angekommen traf uns die Wucht des Sturms erneut. Ich stand auf, und konnte mich kaum halten, die Hunden machten sich klein und mit langsamen Schritten ging es heimwärts. Mir war so kalt, dass meine Beine schon taub wurden ... wir überquerten die Straße, noch 50 Meter bis zum Hof. Der Strommast aus Holz wankte bedenklich, das Kabel wurde vom Wind hin und her geschleudert. Gott sei Dank, waren meine Brillengläser so beschlagen, das ich diese Gefahr nicht wirklich realisiert habe.

Endlich der Eingang zum Hof, Tanana zog mit aller Macht an der Leine, Tejar lief direkt neben ihr... meine beiden wollten nur nach Hause und ich konnte es nicht fassen, das wir uns, so wenige Meter von daheim entfernt, in eine solche Situation gebracht hatten.

Mit zitterigen Händen schloß ich die Haustür auf, alles drängte rein.
Die Tür fiel ins Schloß und mein einziger Gedanke war: ich habe diesen Irrsinn überlebt.
Meine völlig nassen Klamotten klebten wie eine zweite Haut an mir. Ich war immer noch atemlos und setze mich erstmal auf den Boden im Flur. Völlig erschöpft, wie nach einer Gewalttour in den Bergen. Tejar, selbst nass wie ein frisch gewaschener Teppich, leckte mir unablässig übers Gesicht und Tanana drückte sich an mich. So saßen wir ein Weilchen zusammen und ich hörte wie der Sturm an dem Haus rüttelte. Es ist war unglaublich, das wir da gerade draußen gewesen waren. Ein Blick auf die Uhr zeigte, das wir fast 30 Minuten gebraucht hatten um vom Feld wieder ins Haus zu kommen, was für ein Unwetter machte sich da gerade breit!!!

Nach einer Dusche und einem heißen Kakao beruhigte ich mich wieder, die Hunde waren erschöpft und verängstigt, lagen eingerollt auf ihren Decken. 

Es war dunkel, man konnte nichts sehen, aber ziemlich gut hören, das alles was nicht niet und nagelfest war, durch die Gegend flog. Eimer, Äste, Eisenteile, Dachziegel klatschten nach unten. Der Wind tobte, zerrte an allem ... ich verzog mich ins Bett lauschte diesem unheimlichen Konzert. Nach draußen haben wir uns nicht mehr gewagt an diesem Tag. Am späten Abend wurde es noch schlimmer und ich lag die halbe Nacht wach und hoffte das uns nicht das ganze Dach wegfliegt.

sturm4Am nächsten Morgen war unserer Hof ein Schlachtfeld, gespickt mit unzähligen Dingen die dem Wind nicht trotzen konnten. Ich erfuhr aus den Nachrichten, das es Tote gegeben hatte und das ich da draußen mit einem Orkan der Stärke 10-11 gekämpft habe.
Welch Glück bei soviel Dummheit.
Auch heute gehen wir noch gerne raus, wenn es regnet und der Wind von den Dächern pfeift, doch meine naive kindliche Freude an Stürmen habe ich verloren.
Ich habe viel Respekt und Ehrfurcht vor dieser Naturgewalt und mußte lernen wie wenig der Mensch dagegen zu setzen hat.

Tejar, Tanana und ich waren in dieser brenzligen Situation ein richtig gutes Team und ich bin dankbar das die beiden an meiner Seite waren.

Heute abend sitze ich hier, meine Hunde schlafen friedlich eingerollt, ich trinke meinen Kakao und schaue nach draußen, wir haben Oktober und wieder haben sie einen Sturm angekündigt, schon heult der Wind und die Äste biegen sich, dirigiert wie von einer unsichtbaren Hand.

Geschrieben Oktober 2003

 

 

 


Copyright 2002-2008 Nicole Kuschel. Alle Rechte vorbehalten.