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Der Schrei
Es ist jetzt schon drei Jahre her und passierte zur Jahreswende 2003/2004, meine unheimliche Begegnung, die ich bis heute nicht genau erklären kann. Damals wohnte ich noch mit meinen beiden Hunden Tejar und Tanana auf einem Bauernhof direkt in Zons am Rhein. Weihnachten war vorbei, unsere schöne und ruhige Zeit neigte sich langsam aber sicher dem Ende zu. Im neuen Jahr wartete der Job wieder auf mich.
Einen Tag vor der Jahreswende, machten wir drei uns so gegen 18.00 Uhr auf zu unserem gemeinsamem Abendspaziergang. Ich bin es gewöhnt mit den Hunden auch längere Strecken im Dunkeln alleine zu laufen. Im Winter war um diese Uhrzeit niemand mehr im Naturschutzgebiet und Angst hatte ich nicht, denn meine beiden gaben mir immer das Gefühl gut beschützt zu sein. Also, winterfeste Klamotten angezogen, meine Kopflampe aufgesetzt und los ging es. Die Gegend in Zons ist flach und ländlich. Um das Dorf vor Überflutungen zu schützen gab es zwei Deiche. Auf einem befindet sich die Straße, die zum nächsten Ort führt und der andere läuft parallel zum Rhein, direkt in das Naturschutzgebiet. Zur rechten also der Rhein und sein Ufer und auf der linken Äcker, Wiesen und ein noch junger Wald mit vielen Büschen und wenigen Bäumen. Diesen Weg bin ich hundertmal gegangen, entlang des Deiches, am Wald vorbei, dann quer über eine Wiese, auf den Wanderweg und dann durch die Äcker wieder Richtung Heimat. Das sind so ca. 5 km und man ist eine gute Stunde unterwegs.
Es war eine schöne, ruhige Nacht und manchmal schaute der Mond hinter den Wolken hervor. Wir liefen leise, fast unbemerkt und ich freute mich an dem was es zu sehen und hören gab, der glitzernde Rhein, Lichter von Ortschaften in der Ferne, eine leise glucksende Eule. Meine Hunde liefen beide an der Flexileine, ca. 8 m vor mir und bummelten durch die Dunkelheit. Wir erreichten das Wäldchen das links neben dem Deich lag und durch einen Zaun geschützt wurde. Plötzlich wurden meine Hunde unruhig, liefen vor mir hin und her, die Nase auf dem Weg und schnüffelten wie wild. Ich zog die Flexies ein, die Gegend wimmelte vor Karnickel und ich hatte keine Lust auf eine nächtliche Verfolgungsjagd. Dann blieben die beiden fast zeitgleich wie erstarrt stehen und ich hörte es unten am Zaun rascheln ... laut, zu laut für einen Hasen oder dergleichen, ich konnte sehen wie sich was in der Dunkelheit bewegte, mit einer ungeheueren Geschwindigkeit. Es war groß und entfernte sich von uns in Richtung Waldmitte. Die Hunde standen immer noch absolut bewegungslos ... keine Reaktion, Tejar ging auf Abwehr und sträubte sein Deckhaar!
.... und dann ... hörten wir einen unglaublichen Schrei, grellend, hoch, langgezogen und voller Entsetzen. Es hörte sich an wie der Schrei einer Frau in absoluter Todesangst ... und dann noch einer ...
Ich stand wie vom Donner gerührt, meine Nackenhaare richteten sich auf, mein Herz schlug wie wild und mein Körper pumpte einen Stoß Adrenalin in mein Blut, das mir fast die Knie wegsackten. Es folgte ein dritten Schrei und ein vierter. Es war so laut, eigentlich hätte man es bis zum 2 km entfernten Hof hören müssen. Es kam nicht von einer festen Stelle im Wald, sondern bewegte sich... zuerst von uns weg und dann wieder ein Stück auf uns zu, wieder weg .... man konnte das knacken der Zweige hören ... die Bewegung im Wald spüren. Schon der erste Schrei hat meine Hunde aufgeschreckt. Waren sie vorher noch begeisterte Jäger und aufmerksame Bewacher, konnte man jetzt deutlich sehen, das es ihnen genau so unheimlich war wie mir.
Nach einigen Sekunden und nach dem vierten Schrei war ich endlich wieder in der Lage zu reagieren. Es hörte sich so menschlich an, aber ich konnte mir nicht vorstellen, das dies ein Mensch war und wollte das auch auf keinen Fall heraus finden. „Los, Jungs, ab nach Hause.“ Ich drehte mich um und meine Angst hätte mich fast panisch loslaufen lassen, aber ich zwang mich langsam zu gehen. Meine Hunde machten auf der Stelle kehrt und hatten es auch eilig da weg zu kommen.
Immer schön langsam, das war bestimmt nur irgendein Tier, ist alles okay, hier kann Dir nichts passieren... ich redete pausenlos auf mich ein, um ja nicht die Fassung zu verlieren. Noch ein Schrei, schon etwas weiter weg. Alles wird gut ... Stille ... ich lief zügiger ... wollte nur schnell wieder in die Nähe unseres Hofes kommen, wo meine Vermieter jetzt sicher am Abendbrottisch saßen. Meine beiden, hatten das Interesse an allem anderen verloren und zogen kontinuierlich Richtung Heimat und nach einigen Minuten konnte ich die Lichter vom Hof sehen. Noch fünf Minuten und wir hatten es geschafft.
Ohne Vorwarnung spürte ich es ... drehte mich um ... meine Kopflampe strahlte in die Dunkelheit, sah ich den Schatten oder war er nur das Bild meiner Angst? Tejar knurrte und zog wie doof an der Leine, er wollte weg da. Da war was, es war keine Einbildung, es verfolgte uns etwas ... außerhalb meiner Lampe. Meine mühsam aufgebrachte Fassung brach zusammen, ich schrie: lauft und rannte los, als wäre der Teufel hinter meiner Seele her. Die Hunde liefen im gestreckten Galopp und ich mit allem was ich konnte. Ich drehte mich nicht mehr um, aber ich wurde das Gefühl nicht los das es uns folgte ... wir kamen in die Nähe der Straße, Gott sei Dank, die einzige Lampe dort brannte diesmal.
Ich lief mitten auf sie drauf, direkt unters Licht und musste anhalten, weil ich keine Luft mehr hatte. Himmel, was war das? Ich gehöre wirklich nicht zu den ängstlichen Menschen oder werde schnell panisch, aber das war einfach das unheimlichste was ich je erlebt hatte. Ich bin im Wald groß geworden, meine Vater hat mich von klein auf mitgenommen. Ich kenne alle gängigen Waldbewohner... aber das war nichts was ich kannte oder von dem ich auch nur gehört habe.
Mit zitternden Knien ging ich heim und versuchte mich zu beruhigen. Mit einem Tee in der Hand setzte ich mich in die Küche, löschte das Licht und schaute auf den Deich und den kleinen Wald, den ich von meinem Fenster aus sehen konnte. Dann hörte ich wieder einen Schrei, weiter weg, langgezogen und irgendwie verzweifelt. Ich hatte mich nicht getäuscht, man konnte es bis zum Hof hören.
Ich war ratlos, was sollte ich tun, würde mir das jemand glauben? Am nächsten Morgen sprach ich meine Vermieter darauf an, aber die hatten nichts gehört. Ich erzählte es ansonsten niemanden und verbrachte den halben Tag am Rechner, um zu schauen, welche Tierart solche Geräusche machte. Der Dachs war ein guter Kandidat und der Fuchs macht ja auch manchmal so merkwürdige Laute, ich habe mir unzählige Aufnahmen angehört, aber so wirklich konnte ich nichts finden. Es war groß, es war schnell und es schrie wie ein Mensch. Vielleicht gab es gar keinen Zusammenhang zwischen dem Schrei und diesem merkwürdigen Bewegungen im Wald. War es dann doch ein menschliches Wesen? Es hörte sich nicht nur unheimlich an, sondern auch sehr verloren und ängstlich. Brauchte da jemand Hilfe?
Der Abend kam näher, meine Hunden wollten raus und ich saß da und traute mich einfach nicht. Durch den Vorfall war mein ganzes Selbstbewusstsein weg, kein unbedarfter Spaziergang mehr im Dunkeln. Ich rief einen guten Freund an und erzählte ihm die Geschichte. So richtig glauben mochte er das nicht, aber er wollte kommen und mich bei meinem Abendgang begleiten. Ausgestattet mit diversen Lampen machten wir uns auf dem Weg. Wirklich sicher fühlte ich mich auch durch die Anwesenheit eines Mannes nicht. Wir liefen nicht am Deich entlang, sondern näherten uns der Stelle von einer Wiese die unten entlang lief. Noch fast 500 m entfernt fühlte ich das da irgend etwas ist, es war unheimlich still und die Hunde veränderten ihr normales Verhalten, waren sehr aufmerksam, lauschten, waren angespannt . Vielleicht war es nur die Erinnerung an Gestern, vielleicht aber auch weil wir nicht alleine waren.
Mit meinem Lichtkegel scannte ich die Wiese, nichts, also quer rüber und an den Wald. Wir hatten die Mitte erreicht, da sah ich wieder einen Schatten genau am Ende des Lichtkegels. Es war kniehoch und sehr schnell. Ein Katze, ne zu groß ... einen Dachs, der wäre dann aber irgendwie mutiert, irgendein großer Laufvogel wie Fasan, auch nicht, das Ding hatte mehr als zwei Beine ... ein Hund, könnte sein, aber meine Hunde zeigten keinerlei Verhalten das typisch war, wenn sie auf andere Hunden trafen. Außerdem schreien weder Hunde, noch Dachse, noch Füchse so.
Wir gingen in die Richtung, mein Herz pochte bis zum Hals. Hektisch leuchtete ich in der Gegend rum und konnte es nur spüren, aber nicht sehen. Mein Bekannter lief die Wiese ab, wir gingen bis zum Deich und die Angst schnürte mir fast die Kehle zu. Er wollte weiter, ich konnte aber nicht, zumal auch die Hunde da nicht mehr lang wollten. Also drehte ich mich um und ging wieder zurück, während er noch ein paar Schritte weiter lief. Dann die Stimme von hinten: mach zügig, irgendwas kommt da!!!!!! Wieder lief ich los, das Adrenalin pumpte und ich hatte das Gefühl meine Füße versinken in den Boden und ich kann mich nicht mehr bewegen.
Tejar war zu diesem Zeitpunkt hinter mir und ich zog ihn. Er sperrte sich, also drehte ich mich im laufen um, die Flexie war voll ausgefahren und so konnte ich ihn gerade noch mit der Lampe erkennen ...genau in dem Moment sprang er und ich sah etwas schattenhaftes wegzucken ... verdammter Mist .. was war das hier .. ein Alptraum oder verliere ich den Verstand? Ich lief und zerrte an der Leine. Mein Hund folgte mir. Sobald wir die Wiese verlassen hatten und auf dem Weg zum Hof waren, verlor sich das Gefühl, das etwas in der Nähe war. Ich hatte die Nase voll. Mein Bekannter konnte auch nicht sagen was es war. Es gab viele Spekulationen, aber nichts passte wirklich.
Spät in der Nacht wurde ich wach, lag lange schlaflos in der Dunkelheit und lauschte ... da war es wieder, dieser verzweifelte Schrei. Es machte mir eine Gänsehaut, aber irgendwie tat es mir auch leid, es hörte sich sehr einsam an. Selbst bei Tageslicht habe ich mich lange nicht mehr an diesen Ort getraut. Tagelang hab ich immer wieder gelauscht, aber nichts mehr gehört. Bei meinen Spaziergängen bin ich immer mal wieder in die Nähe, aber weder ich noch die Hunde bemerkten etwas.
Nach drei Wochen bin ich dann, wieder mit meinem guten Freund, an die besagte Stelle in den Wald gegangen, wir haben alles abgesucht, aber nichts gefunden. Die Hunde schnüffelten aufgeregt und liefen auch hin und her, aber mehr war nicht. Aber das tun sie auch, wenn sie einen Karnickelbau entdecken oder frische Spuren von Wild. Aller Recherchen verliefen im Sand. Alle Anwohner die ich ansprach, hatten nichts gehört oder gesehen. Der Jagdaufseher konnte sich nicht vorstellen, das es überhaupt ein Tier gibt das solche Geräusche macht.
Meine Freunde schauten mich mitfühlend, aber dennoch etwas verständnislos an und konnten mir auch nicht weiterhelfen.
Damit endet meine Geschichte, bis heute weiß ich nicht was es war. Aber es war nichts normales, keine übliche Begegnung mit einem normalen Waldbewohner. Ich vermute, das es vielleicht ein Tier war, das nicht in diese Gegend gehörte. Das irgendwo Zuflucht gesucht hat und dann weitergewandert ist.
Meine beiden haben fast ein halbes Jahr gebraucht um dort wieder entlang zu laufen ohne das sie innehalten, schauen oder schnüffeln und ich ... ja, ich meide diese Gegend immer noch wenn es Dunkel ist.
Diesen Schrei werde ich nie vergessen ... in aller höchster Not ausgestoßen und völlig verzweifelt ... hätte gerne gewusst was es gewesen ist und vielleicht hätte man helfen können, denn Kontakt hat es ja gesucht ... auch wenn nicht klar ist, was es damit bezwecken wollte.
Geschrieben Dezember 2005
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