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Bärenalarm
Ich habe etwas Zeit und großes Heimweh und deshalb möchte ich Euch eine Geschichte von unserer Reise durch Alaska/Kanada erzählen. Also, holt Euch einen Kaffee und begleitet mich, wenn ihr wollt, ein Stück auf meiner Reise. Einige von Euch wissen es sicher noch: vor zwei Jahren bin ich mit meinem damaligen Freund und den Hunden für fünf Wochen im September und Oktober, 10.000 km durch Alaska/ Kanada gereist!
Wir haben viele Abenteuer erlebt und ich könnte viele Geschichten erzählen. Doch fangen wir erstmal mit einer an: Also ... Andreas, Miwosch, Tejar (damals stolze 7 Monate alt) und ich sind mit dem Wohnmobil von Vancouver aus in Richtung Norden gefahren. Ziel war der Yukon und dann Alaska. Diese Reise war mein größter Traum. So viel Zeit in dem Land - indem ich mich mehr zuhause fühle, als in jedem anderen- verbringen zu können. Um Euch ein wenig meine Eindrücke näher zu bringen, ein kurzer Auszug aus meinem Reisetagebuch.
Wir kommen nach New Hazelton und tanken noch einmal. Bis Kitwanga sind es nur noch einige Kilometer und dann geht es auf den Highway 37 Cassiar Highway Richtung Alaska. Die 714 km lange Straße wird uns zum Alaska Highway nahe Watson Lake bringen. Viele Abschnitte wurde erst 1998 geteert. Uns erwarten trotzdem etliche Kilometer Schotterpiste mit schlechten Fahrbedingungen und großen Schlaglöchern. Die Strecke ist rauher und wilder als der parallel verlaufende Alsaka Highway.
Ich werde diese Augenblick nie vergessen, wo wir auf diese Straße abbiegen. Bisher waren alle Straßen gut ausgebaut und ständig trafen wir auf Autos, Ortschaften und Menschen. Diese Straße ist schmaler, geteert und macht schon nach den ersten 100 m einen sehr leeren Eindruck. Die Landschaft macht mich sprachlos. Ich könnte seitenlang über die Formation der Berge, die kristallklaren Flüsse und Seen schreiben. Wie die Sonne das Wasser in hunderte Grün- und Blautöne verwandelt, das Licht den Bäumen Leben einhaucht und sie in allen erdenklichen Gelb-, Grün und Brauntönen erstrahlen läßt. Am meisten jedoch liebe ich die Stille dort, es ist nicht nur die Abwesenheit von Lärm, nein dort ist Stille fühlbar und unglaublich schön.
Wir fahren mit 110 km durch eine menschenleere Gegend. Die Autos denen wir begegnen sind zählbar. Man grüßt sich wenn man aneinander vorbei fährt. Es ist eine wilde Gegend. Es gibt keine Seitenwege oder Trails, die irgendwo hinführen könnten. Hier gibt es nur diese Straße sonst nichts.
In Meziadin Junction tanken wir noch einmal. Von dort führt auch eine Straße nach Hyder und Stewart, die wir jedoch nicht befahren. Über 20 Gletscher einschließlich des Salmon Glasiere (fünftgrößter der Welt) und der berühmte Bear Glacier (einer der wenigen blauen Gletscher der Welt) säumen diesen Weg. Alleine das wäre ein Grund nochmals wiederzukommen. Auf den Weg nach Bell II fahren wir über unsere ersten Brücken (Holz bzw. Gitterroste). Da lerne ich menschlichen Bauwerken zu vertrauen, auch wenn sie nicht so aussehen. 50 km vor Bell II, wir haben bis dahin vielleicht 5 Fahrzeuge getroffen Baustellenschilder -, plötzlich eine Menge Menschen und wartende Autos. Nach einigen Minuten werden wir und die anderen Fahrzeuge von einem Pilot-Car durch die Baustelle geführt. Rechts und links der Straße arbeiten
Menschen mit riesigen Maschinen an dem Belag. Die Strecke besteht jetzt nur noch aus Schotter. Das Fahrzeug führt uns ca. 6 km, dann müssen wir alleine weiter, der Schotter bleibt uns aber erhalten. Nach Bell II wird die Straße wieder normal. Wir sind gespannt wie es wohl hinter dem nächsten Hügel aussehen wird und dann passiert es ... noch ziemlich jung, saß er mitten auf dem Weg. Unser erster Bär!
Andreas legt eine Vollbremsung hin, wir greifen beide zu Kamera und Video, sind ziemlich aufgeregt und hoffen das er nicht so schnell wieder verschwindet. Er schaut uns an und bewegt sich langsam auf den rechten Straßenrand zu. Genau in diesem Moment kommt vom nächsten Hügel ein riesiger Überland-Truck die Straße entlang. Der Bär verschwindet im Gebüsch. Schade, wir hätten ihn gerne einige Minuten länger im Visier gehabt. Völlig begeistert fahren wir weiter. Aus der Entfernung sah er echt niedlich aus. Mir wird allerdings unwohl, wenn ich mir vorstelle, so ein Tierchen begegnet mir wenn ich schlaftrunken aus dem Wohnwagen krieche.
Wir fahren weiter, dann wieder eine Baustelle. Irgendwie ist das schon skurril. Erst nur menschenleere Wildnis und dann hektische Betriebsamkeit. Wir müssen auf unseren Pilot warten und reden ein bißchen mit der Stopperin. Die hat natürlich nichts besseres zu tun, als die fürchterlichsten Geschichten über Bärenangriffe zu erzählen. Ich beschließe, das Wohnmobil nicht mehr zu verlassen. :-) Es ist eine Sache etwas über Bären, zuhause, auf dem Sofa sitzend, zu lesen oder mitten in der Wildnis stehend eine Story zu hören die angeblich auf Tatsachen beruht. Die gibt es da wirklich und man kann nicht einfach das Buch zuklappen, wenn es zu spannend wird. Nachdem ich das dann realisiert hatte, wollte ich sie nicht mehr unter allen Umständen in jeder Situation sehen.
Die Hunde haben den Flug und die Umstellung auf das komplette andere Leben im Wohnmobil ohne große Probleme gemeistert. Wenn wir am frühen Abend unser Lager an einem See oder Fluß aufschlugen, erkundeten die beiden die Gegend. Sie blieben immer in Rufnähe. Für sie war das eine ungeheuere spannende Zeit. Es gab viel zu riechen, zu sehen und hören. So viel unbekanntes....
Obwohl Tejar erst 7 Monate alt war, suchte er sich von alleine eine Aufgabe im Rudel. Er war unser Wächter! Sobald er die Gegend erkundet hatte, legte er sich ca. 20 m von unserem Lager, meist etwas erhöht, hin und hielt Wache! Tejar war in diesem Alter auch schon ein Meister in der Nahrungsbeschaffung. Auf seinen abendlichen Runden am Fluß entlang, kam er immer kauend oder etwas hinter sich her schleifend wieder. Fisch, tote Tiere, Reste von den Mahlzeiten anderer Fleischfresser....Er durfte immer alles fressen was er gefunden hatte, während dieser Reise war das vollkommen okay. Das war auch die Zeit wo mein Hund am gesündesten war. Wohlgenährt, tolles Fell und in seinem Element.
Miwosch war etwas ängstlicher und hielt sich immer in unserer Nähe auf. Manchmal war es schon lästig, sie war ständig auf Tuchfühlung und das ist beim Holzhacken und Kochen am offenen Feuer nicht ganz ungefährlich. Ein Ranger, der einen Abend bei uns am Feuer verbracht hatte, gab uns den Tip: immer auf die Hunde zu achten, wenn wir wandern oder draußen sind. Die Hunde haben den Geruch der Bären lange vor Sichtkontakt in der Nase und versuchen auszuweichen. Das bedeutet, wenn man wandert und der Hund verweigert sich, sollte man in dieser Richtung nicht oder nur sehr vorsichtig weitergehen. Hunde haben instinktiv Angst vor Bären! Das stimmt wirklich! Hunde schon, Tejar nicht! Aber dazu später! Nachts kamen die Hunde ins Wohnmobil, es ist zu gefährlich sie draußen zu lassen. Bären halten Hunde für zu groß geratene Kaninchen.
Also gut ... wir waren jetzt schon eine Weile in der Wildnis unterwegs, meine Angst von den Bären, versuche ich durch eine Bärenglocke zu mildern, die ich in Skagway bei einer Touristeninformation gekauft habe. Das Ding wird an der Jacke befestigt und klingelt halt immer wenn man sich bewegt und soll Bären davon abhalten unvermittelt auf uns zu zulaufen. Bei dem Rest meiner Crew stieß ich auf völliges Unverständnis, Andreas bekam jedes mal einen Lachanfall, wenn ich so vor mich hin klingelte, Tejar schaute mich irgendwie verständnislos an und fand das eher störend... wenn Du so laut bist dann verschwindet doch meine Beute ... nur Miwosch fand das okay, sie blieb immer brav an meiner Seite ... Mädels halt ... man versteht sich!
Es wurde schon empfindlich kalt. Nach einer langen Fahrt kamen wir zu einem wunderschönen staatlichen Campground am Kluane Lake. Am Eingang steht ein große Informationstafel mit einem nicht übersehbaren rosafarbenen Zettel: ”Bear on Area”. Ich war sofort begeistert! Irgendein Trottel von Touri hat hier mal wieder einen Bären angefüttert und der ist halt nicht blöd und wartet jetzt in der Gegend auf den nächsten der ihm sein Abendbrot serviert. Tut das keiner, greift so ein Bär auch schon mal zu massiver Selbstbedienung, bei dem er auch von der Windschutzscheibe eines Autos nicht halt macht. Solche Bären sind gefährlich und ich wollte nicht wirklich da bleiben.
Doch die nächste Möglichkeit in Wassernähe zu übernachten, war zwei Stunden weit weg. Wir stellen uns an das Seeufer. Andreas lachte die ganze Zeit vor sich hin, als ich ihm vorschlug wir könnten das Feuer doch direkt am Eingang des Wohnmobils machen. Er machte Feuer, wie immer, ca. 30 m vom Wagen weg. Diesmal brauchen wir das auch, denn es ist richtig kalt. Wir sitzen draußen am Feuer, trinken Kaffee und schauen zu wie die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bergen verschwinden.
Im Rücken haben wir die St. Elias Mountains die zum Kluane-Nationalpark gehören. Die Landschaft des Parks wird beherrscht von Bergen und Eis. In der Bergkette liegen die höchsten und massivsten Berge Kanadas, darunter der Mount Logan mit 5.959 m Kanadas höchster Berg. Dort befindet sich auch das größte nicht-polare Eisfeld der Welt, eine Hinterlassenschaft der letzten Eiszeit. Riesige Gletscher wie der Lowell, Donjek und Kashawulsh winden sich talabwärts. Ein unglaublicher Anblick!
Ich schaue meinem Hund zu, wie er den Kiesstrand umgräbt auf der Suche nach kleinen Krebsen und anderen Eßbarem. Bevor es völlig dunkel wird, gehen wir alle noch ein Stück den Strand entlang. Plötzlich bleibt Tejar stehen, erstarrt ... hebt den Kopf ... zieht die Luft sichtbar durch die Nase ein ... die Ohren aufgerichtet, er pumpt Luft durch seine Backen und bläht sie bei jedem Atemzug auf! BEUTE!!! Er senkt den Kopf und schnüffelt ... dann wieder die gleiche Position ... ganz eindeutig ... hier gibt es Beute... Er ist so an die 10 m entfernt, ich laufe zu der Stelle wo er geschnüffelt hat und sehe ... einen riesengroße Prankenabdruck, der sich durch das Gewicht tief in den Sand gegraben hat. Bärenspuren. So ein Mist, ich drehe mich um und sehe nur noch Miwoschs Hintern der sich zügig auf das Wohnmobil zubewegt! Und da startet Tejar durch, schnell, lautlos mit einer Geschwindigkeit, die mir heute noch eine Gänsehaut über den Körper jagt, wenn ich daran denke. Ich habe ihn bis heute nie wieder mit dieser Geschwindigkeit und dieser Kraft laufen sehen. Ich kann Euch sagen, ein Akita der einen Bären in der Nase hat, ist nicht der Hund den man meint zu kennen. Es steckt immer noch drin! Beobachtet Euere Hunde, wenn sie einen Bären riechen, wollen sie weg ... Tejar rast mit einem irren Tempo den Strand entlang... diese Erfahrung ist auf meinen Hund nicht anwendbar.
Ich bleibe stehen und rufe... ich erwarte nicht eine Sekunde das er jetzt zurück kommt. Es ist das erste mal auf dieser Reise das wir auf so frische Spuren treffen, hinterherlaufen bringt nichts, wo soll ich suchen??? Ich gehe zum Wohnmobil zurück ... Miwosch sitzt vor der Tür und will rein, wenigstens sie reagiert normal. Ich setze mich ans Feuer und warte ... es ist mittlerweile dunkel. Andreas leuchtet mit der Taschenlampe die Gegend ab. In meinem Kopf spielen sich viele kleine Horrorszenarien ab.
Meine liebste begleitet mich seit der ersten Begegnung mit einem Bären: wir sitzen entspannt am Feuer und schauen der Sonne dabei zu wie sie sich verabschiedet, Tejar macht eine kleine Runde und kommt plötzlich in vollen Galopp angerannt, dicht gefolgt von einem Bären den er irgendwo gefunden hat und schnurstracks zu uns führt. Frei nach dem Motto: schau mal was ich zum Abendbrot mitgebracht habe! Nichts von all dem passiert... nach qualvoll langen 10 Minuten kommt er wieder, unversehrt, ein bisschen außer Atmen .... und alleine ... was geschehen ist, wird wohl sein Geheimnis bleiben.
Ein kurze, sehr stürmische Begrüßung und dann legt er sich wieder auf seinen Wachposten, als wäre nichts passiert ... ich schaue ihm noch lange zu und frage mich ob ich je herausfinden werde, was dieser Hund braucht um seine Fähigkeiten die er hat, auch zeigen zu können. Es wird schwer sein ihm zuhause eine gute Möglichkeit zu geben, sein Potential entfalten zu können. Und das er ungeahnte Fähigkeiten, Mut und auch eine große Portion Dummheit besitzt, konnte ich heute mit eigenen Augen sehen. Ich muss mir wesentlich mehr Gedanken machen, damit ich ihn und uns nicht noch mal in eine solch gefährliche Situation bringe!
In der Nacht schlägt er einmal an, mit tiefen Gebell und Geknurre ... wir gehen nicht nachschauen... man fordert sein Glück nicht heraus... Am nächsten Morgen finden wir wieder Spuren, ganz in der Nähe des Lagers. Da hatten wir wohl Besuch.
Wir haben daraus gelernt. Bei Wanderungen musste er an die Leine... bevor er abends seine Runde machen durfte, wurde die Gegend vorher nach Bärenspuren und Kot abgesucht...
Ich werde die Bilder dieses Hundes immer im Kopf haben, wie er, gerade 7 Monate alt, voller Stolz und Würde auf seinem Platz sitzt, um sich herum die schönsten Berge der Welt, auf ein unermesslich wildes und großes Land blickt und seiner Aufgabe nachgeht, die er so sehr im Blut hat wie Tanana das ziehen eines Schlittens.... aufzupassen, zu bewachen und jedem Eindringling mit seiner tiefen Stimme anzuzeigen, daß er da ist! Manchmal, wenn wir hier unterwegs sind, dann steht er so auf dem Deich, wie damals auf seinen Anhöhen, gerade, erhaben, sein Blick ist die Ferne gerichtet und vielleicht erinnert er sich... an diese Tage und vielleicht hat er auch ein bisschen Heimweh ... ich kann es verstehen...
Geschrieben November 2002
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